Bobo‘s Brösel

bobo1. Mitten im strahlenden Frühling ist unser Freund und Wegbegleiter Bobo von uns gegangen. Tschüss, Alter, es war gute 45 Jahre eine Freude Dich zu kennen. Unser neu gestalteter Lagerfeuer-Platz wird absofort Bobo‘s Corner heißen.

2. Die neuen Grünen Zweige sprießen. Ausgabe 293 geht dieser Tage in Druck, und wird zusammen mit Ausgabe 294 an Abonnenten verschickt. Die Ausgabe 295 folgt dann einige Wochen später.

3. Der Grüne Zweig 293 ist ein kleines Büchlein mit einer wunderlichen, bislang noch nicht auf Deutsch veröffentlichen Krimigeschichte mit Science Fiction Elementen, wie z.B. einer Technologie, die dem heutigen Skype System nahekommt – und einem absurden Rechtsproblem, das auch heute noch nicht geklärt zu sein scheint. So habe ich die urprüngliche Geschichte um einige Zusatzkapitelchen entsprechend ergänzt:

Mark Twain & Werner Pieper (Hg.)
Das wunderliche welt-weite Telektroskop 1898

1. Mark Twain in Europa 6
2. Mark Twain: Das wunderliche welt-weite Telektroskop 1898 10
3. Was geschah 1898? 30
4. Das Rechts-Problem 31
5. ‚Felony murder‘ – Absurde US-Rechtssprechung heute 32
6. Mark Twain – einer der Väter der S.F. & Visionär ‚sozialer Netzwerke‘ 34
7. Der ‚polnische Edison‘ – Jan Szczepanik 37
8. TV – Fern sehen mit dem Fernseher 41
9. Frühe Internet-Visionen 44

4. Der Grüner Zweig 294
Mich interessieren besondere Gegenden der Erde und deren Bewohner, die sich weitgehend der Aufmerksamkeit der Rest-Menschheit entziehen – oder entzogen werden. Neben Namibia (dazu gleich noch mehr) und Haiti, über die ich ja Bücher gemacht habe, sind das vor allem die Inseln Nauru und Diego Garcia, wie die West-Sahara – die in deutschsprachigen Medien zu selten Thema sind. Zu gerne würde ich über diese Bücher machen, doch bin ich offenichtlich nicht in der Lage, solche Inhalte auch verbreiten zu können – wie die Stapel von Namibia- und Haiti-Büchern im Lager zeigt.
Um so größer die Freude, zumindest im Abo nun eine aufklärende kostenlose Publikation über die Sahauris anbieten zu können – dazu noch einen durchgehend farbigen, 20-seitigen Comic:
Mauro Entrialgo
Der West-SAHARA-Konflikt (in weniger als 3000 Wörtern)

5. Der Grüne Zweig 295
Nachdem ich nach dem Anschlag von Paris plötzlich von lauter Charlies umgeben war und dann die Stoßseufzer der Politiker vernahm, daß eine Zensur von Karikaturen bei uns doch unvorstellbar sei, machte ich mich auf die Suche nach umstrittenen Karikaturen der Vergangenheit, aus rund 500 Jahren bis 1945.
Aus vielen tausenden von Bildern habe ich als Karlchen nun zu rund zwei Dutzend Themen jeweils größere Stapel extrahiert, die ich in den kommenden Tagen mit Freunden nochmal genauer sichten und werde.
Karlchen Markss
AnStiftereien zwischen Schmunzeln und Kotzen
Satirische, skurile & augenöffnende Zeichnungen unsrer Altvorderen

Erschienen ist gerade im gonzo verlag die von Miriam Spies herausgegebene Anthologie
6. Fledermausland –
Diverse Wahrheiten über Wasserstände, Paranoia, Journaliismus und Hunter S. Thompson

mit 36 Beiträgen, u.a. von Hadayatullah, Hollow Skai, Jürgen Ploog … und von mir eine Überarbeitung meines Vortrages beim Chaos Computer Congress zum Thema TRUST.
http://www.synergia-auslieferung.de/fledermausland-p-87619.html

Dieser Tage kam wieder ein sehr schöner, langer Beitrag für mein GrünZweig-Wunsch-Projekt:
7. Inter-Generationenbriefe
Der Grüne Zweig XXL

Also Briefe von Eltern an ihr Kinder oder vice versa … Briefe, in denen jene Themen Platz finden und ausformuliert werden, zu denen es im täglichen Leben in Gesprächsform – aus welchen Gründen auch immer – nie kommt oder kam. Die Empfänger können auch schon verstorben sein oder noch nicht geboren. Dabei müssen die konkreten Namen nicht unbedingt angegeben werden, es geht ja um die Botschaften. Leider ist bislang das Interesse solche Briefe zu lesen offensichtlich bei vielen sehr viel größer, als selber einen zu schreiben. So werde ich in den Bröseln so lange um weitere Beiträge/Briefe bitten und betteln, bis damit ein Buch gefüllt werden kann. Und das hat es dann in sich, denn in manchen der vorliegenden Briefe wird eine Kommunikationsebene erreicht/dokumentiert, die man im täglichen Leben selten erlebt.

8. Ernest Bornemann
In meiner Welt einer der wichtigen und einflußreichen Menschen unserer Kultur. Vom Türöffner für angloamerikanische Musik nach dem Kriege, bis hin zum Sexualberater … Unbedingt empfehlenswerte Lektüre von ihm: Die Ur-Szene; über ihn: Der Grüne Zweig 179: Ein lüderliches Leben – Portrait eines Unangepaßten, in dem rund 70 seiner Zeitgenossen ihm zum 80. Geburtstag gratulieren und be/schreiben, was sie durch ihn gelernt haben und damit ihr Leben bereicherten. Das Buch erschien auf Wunsch und mit Unterstützung Bornemans als Grüner Zweig.
Dieser Tage wird Ernest wiederentdeckt, wenn auch wohl leider ohne Hinweise auf gerade erwähntes Buch. Mehr:
http://www.etk-muenchen.de/search/Details.aspx?subject=film&sort=5&ISBN=9783869164069#.VRfDZPmsW2A
http://www.wallstein-verlag.de/9783835316737-detlef-siegfried-moderne-lueste.html
Das Deutsche Filmmuseum lädt am 23.4. zu einer Veranstaltung:
https://www.deutsche-kinemathek.de/de/aktuell/veranstaltungen-2015

9. Ronald Steckel: MORGENRÖTE IM AUFGANG – Hommage à JACOB BÖHME
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchten wir Sie freundlich auf die Uraufführung des Films MORGENRÖTE IM AUFGANG – Hommage à JACOB BÖHME hinweisen, die am 15. Mai 2015 um 19:30h im Gerhart-Hauptmann- Theater in Görlitz stattfinden wird.
Der Görlitzer Mystiker und Visionär Jacob Böhme ist, wie Sie wissen, die unbekannteste, geheimnisvollste und zugleich untergründig einflussreichste Gestalt der deutschen Geistes- geschichte.
Sein mehrtausendseitiges Werk ist die Ausformulierung eines radikalen Christentums und der Entwurf einer reichen, bis heute in ihrer Tiefe nicht ausgeloteten Anthropologie, Kosmologie und Naturphilosophie.
Es kommt hinzu: Jacob Böhme ist zweifellos der größte Sohn der Stadt Görlitz – und, wie der Philosoph Schelling bemerkte, „eine Wunder- Erscheinung in der Geschichte der Menschheit“.
In Form eines poetischen Essays in Bildern widmet sich der Film MORGENRÖTE IM AUFGANG – hommage à JACOB BÖHME, in dem Jacob Böhme ikonographisch als „Der schreibende Mann“ dargestellt wird, dem geistigen Leben des Mystikers und seinem Verhältnis zu der ihm umgebenden Welt, die – der Zeitlosigkeit seiner Philosophie folgend – bewusst ohne biographisch- historischen Kontext dargestellt wird. Die hommage ist kein Dokumentarfilm.
Die Besonderheit des abendfüllenden Films (81 min.) liegt darin, dass alle Filmtexte Originalzitate aus Böhmes Werk sind, die auf den Wortlaut der 1730 in Amsterdam veröffentlich- ten Gesamtausgabe der Schriften zurückgehen. – Der Film wirkt auf diese Weise wie ein filmisches Manifest von Jacob Böhme selbst, in dem die Gestalt Böhmes in ihren eigenen Worten zu uns spricht und dadurch lebendig wird.
Der Film versucht, diesen bedeutenden Mann einem heutigen Publikum nahezubringen und beleuchtet damit wesentliche geistige Fragen der Zeit.
15. Mai 2015 / 19:30h / Gerhart- Hauptmann-Theater, Görlitz
Tickets: Erwachsene € 6/Schüler €4
Am 25. April um 19.30h werden die Filmemacher in einem Werkstatt- gespräch anlässlich der 2. Verleihung des Jacob-Böhme-Preises der Oberlausitzischen Bibliothek in den Räumen am Untermarkt 2 Hintergründe zur Entstehung und Motivation ihres Films anhand von Filmbeispielen beleuchten, werden Dreharbeiten und Montage erläutern, sowie Ergebnissse der jetzt schon 25 Jahre andauernden Recherche auf den Spuren Jacob Böhmes vorstellen. Diese Veranstaltung ist kostenlos.
Weiterführende Informationen:
http://www.nootheater.de/ www.organisationzurumwandlungdeskinos.de/
MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, RONALD STECKEL & KLAUS WEINGARTEN

http://blog.nootheater.de/2015/03/13/morgenroete-im-aufgang-hommage-a-jacob-boehme/

www.organisationzurumwandlungdeskinos.de

10. Heathcote Williams
Sein Gedicht Autogeddon erschien zuerst als Grüner Zweig, dann in verschiedenen Ausgaben bei 2001 und wurde schließlich ein Welterfolg. Weniger erfolgreich blieb unser gemeinsames Buch Aus den Vorhaut Akten (Der Grüne Zweig 128).
Heathcote zog sich vor Jahren aus London zurück, wir haben seit geraumer Zeit keinen Kontakt mehr, nur ab un an gibt es ein neues Gedicht von ihm, wie dieses hier (Dank an Hans Plomp für die Vermittlung):
http://internationaltimes.it/easter-2015-the-christ-particle/

11. Liam & Shane Pieper
Der Kontakt zu den Piepers in Australien intensiviert sind. In der Zwischenzeit kam auch die ‚Entdeckerin‘ von Liam, Autorin Antonia Baum von der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung zu einem zweistündigen Besuch nach Löhrbach. Witzigerweise (naja, nicht für sie) wuchs sie quasi hinterm Berg heran, empfand ihre gfrühe Jugend im benachbarten Weschnitz-Tal als die Hölle und schrieb darüber vor Jahren in der FASZ. Seitdem ist die ‚Weschznitz-Hölle‘ ein feststehender Begriff, sorgte u.a. für eine radpiden Zuwachs an Tourismus in der Region.
Mal schauen, was sich aus dieser Verbindung ergeben wird.

12. Sultanas Traum (Der Grüne Zweig 279)
Das JA bzw NEIN zum Kopftuch wird noch lange diskutiert werden.
Ich empfehle auf Grund der eigenen Erfahrung jedem und jeder, mal einen AllTag verschleiert zu erleben.
In diesem Zusammenhang…:

This Land is Ourland, That Land is Herland – Eine Femmage zum …
www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14460‎
Dazu ein Leserbrief im Guardian (4.4.2015)
Let‘s turn to another feminist classic
Linda West‘s article – The lost land of women:forgotten feminist cassic Herland is 100 years old) on Charlotte Perkins Gilman‘s forgotten feminist cassic Herland rightly draws attention to the centenary of it‘s original publication and the challenges posed by it, both then and now.
Just empowering is the even less well known Sultana‘s Dream, written by a Bengali woman, Rokeya Sakhawat Hussain, a decade earlier. Married at the age of 16 (reportedly a love match) to an older man who supported her studies and writing, she took a leading role in local campaigns for female education and set up a school (which was eventually relocated in Kolkata, where it still stands).
In der 1905 short story, Hussain takes readers to Ladyland, where peaceloving women overpower aggressive men thanks to the power of their brains. Rather than seeing this world through male eyes, Hussain uses a female narrator to get her points across.
Unlike Herland, Hussain‘s imagined world contains space for men but they live in seclusion or purdah, hidden from public gaze.
As her narrator is told by her guide: „You need not be afraid of coming across a man … This is Ladyland, free from all sin and harm. Virtue herself reigns here.“
Through these two classic accounts of ‚feminist utopias‘ understandably reflect the different context that produced them, they remind us just how far gender relations mattered in debates taking place right around in the world in the early 20th century.
After all, as Sultana‘s Dream underlines, it was not necesssarily women in North-America and in Europe who set the agenda for these frank discussions.
Sarah Ansari, Windsor

http://www.gruenekraft.com/sultanas-traum-p-56854.html

13. Namibia
Nach 10 Jahren im Amt verließ der allseits beliebte Präsident Hifikepunye Pohamba selbiges, wurde nun von Hage Heingob abgelöst. Pohamba war selbst bei der Opposition beliebt, hatte er doch das Land in vielen Gebieten kräftig vorangebracht.
In kaum einem Land erder Welt wird so nachhaltig an einer Geschlechter-Quote in Parlament und Politik gearbeitet.In den vergangenen Jahren sind ie Verkehrsbedingungen, sowohl Überlandstraßen wie auch Bahnbetrieb, stark verbessert worden. Inzwischen gehen alle Kinder zur Schule, die Gesundheitsversorgung hat bislang von ihr unberührte Regionen erschlossen, eine weitere HIV-Verbreitung scheint gestoppt… Weitgehend eine Erfolgsgeschichte, wenn nicht … die Folgen der Vergangenheit nach wie vor über Wohlstand und Armut entscheiden würden … siehe Der Grüne Zweig 246, Toubab Pippa: Von der Bosheit im Herzen der Menschen.

Aktuelles über Namibia, abgeschrieben aus dem New African (April 2015):
“Despite the progress made since independence in delivering state services to the poor and maintaining economic growth, poverty remains rife in Namibia and the race inequalities in education, health, income inherited from the apartheid policies of Namibia‘s South African colonial masters persist. …
However, where Pohamba clearly failed was on land reform. Though Germany lost South-West-Africa after its defeat in the First World War, is it still very German in outlook and contend.
To this day just a few thousand Namibians of German and white South African extraction control over 80% of the best farming land in the country, leaving the majority black Africans to tread water.
Before becoming president, Pohamba was minser of lands. During his tenure, govermnment announced that it was abandoning its willing-buyer-willing-seller alnd principle, and was going to use compulsory land expropriations to resettle over 240.000 landless blacks. But it did not work and the old order remains to this day.“

14. Helmut Höge: Aus Scheiße Rosinen machen
„Die Exkremente der Konsumtion sind am wichtigsten für die Agrikultur.“
(K.Marx)

„Die Düngestoffe des Menschen, der überwiegend auf große Städte
konzentriert ist, werden verbrannt, vernichtet, besonders aber durch
Kanäle und Flüsse fortgespült,“ schrieb der Biosoph Ernst Fuhrmann 1912
in einer kleinen Schrift über die Menschen und ihre Scheiße. Damals
wurden in Berlin die Abwässer in Kanäle geleitet und über 12 Pumpwerke
auf Rieselfelder vor der Stadt verteilt, deren Wälle und Gräben man noch
heute sieht. Sie wurden nach einer gewissen Zeit abschnittsweise
bewirtschaftet – u.a. baute man dort Gemüse an. Fuhrmann erwähnt die
damalige Kritik an dieser Form der Entsorgung: Die Pflanzen würden
schlecht gedeihen und schlecht schmecken. Er gibt jedoch zu bedenken,
dass dieses Verfahren noch keine Umwandlung von Dung in Humus ist. Als
die Nazis die Schrift des inzwischen exilierten Autors raubdruckten,
zeigten sie darin bereits den Fortschritt: einen Aufriß des 1931
gebauten Berliner Klärwerks in Stahnsdorf, das es noch heute gibt. Von
den sechs Klärwerken der Stadt besitzt jedoch keine eine
„Klärschlammvererdungsanlage“, so dass die Trockenmasse in den
Faultürmen, wo sie zunächst mit bakterieller Hilfe Methan freisetzt, am
Ende verbrannt wird, somit jedoch noch mal Strom liefert. Die Klärwerke
decken dadurch zwar 50% ihres Eigenbedarfs, aber Humus wird aus der
Scheiße nicht. Man sagt, dass sei auch nicht erwünscht, denn der
Klärschlamm enthalte Schwermetalle, Medikamentenrückstände, unliebsame
Keime…Neuerdings hat man sogar Gold darin entdeckt. Eine EU-Verordnung
besagt: Wenn die Klärschlämme hinsichtlich des Schadstoffgehalts die
Vorschriften erfüllen und hinsichtlich der Nährstoffgehalte den Vorgaben
der Düngemittelverordnung entsprechen, dürfen sie auf die Äcker gebracht
werden, auf Grünland und Gemüseanbauflächen dagegen nicht.

90 Prozent der weltweit anfallenden Scheiße wird ungeklärt in Gewässer
geleitet. Allein in Indien sind das 26 Milliarden Liter täglich. Hinzu
kommt noch, dass dort der wertvolle Kuhdung zum Heizen verwendet wird: 2
Millionen Tonnen täglich. Bis zu ihrer Elektrifizierung wurde im übrigen
auch auf den friesischen Halligen mit getrockneten Kuhfladen (Ditten)
geheizt.

Anders in China, Korea und Japan. Diese drei Agrarländer, deren
Bevölkerung sich weitgehend vegetarisch ernährt, wandeln seit
Jahrtausenden ihre Fäkalien wertschöpfend in „Muttererde“ um. Bis zur
Revolution gab es in China Leute, die den Städten für viel Geld ihre
Fäkalien abkauften. Sie wurden u.a. portionsweise auf Märkten verkauft.
Auch auf dem Land wurde jeder Scheißhaufen aufgesammelt. Landarbeiter
mußten sich verpflichten, die Latrine des Gutsbesitzers zu benutzen. „80
Jahre später hat sich nicht viel geändert,“ schreibt Werner Pieper in
seinem umfangreichen „Scheiss-Buch“ (1987). Anfang der Fünfzigerjahre
entstanden dort die ersten Biogasanlagen auf Basis von Fäkalien. Während
der Kulturrevolution übernahmen „freiwillige Brigaden“ Transport und
Verteilung. Wissenschaftler, die man damals aufs Land schickte, wurden
von den Kommunen gelegentlich zum Scheiße sammeln auf den Landstrassen
eingesetzt – eine Tätigkeit, die viele als besonders demütigend ansahen,
was die Bauern als arrogant empfanden: Wer den Wert dieses kostbaren
Düngers zu schätzen weiß, dem stinkt er nicht! Früher war der Landwirt
mit dem größten Misthaufen auch hier noch stolz darauf, jetzt zwingen
ihn die aufs Land gezogenen Städter, den Mist wegen des Gestanks und
der Fliegen aufs Feld zu lagern. In Berlin regt man sich ewig über
Hundescheiße auf.

Die modernen Bürger zahlen immer mehr für die Entsorgung ihrer
Exkremente, schreibt der Berliner Autor Florian Werner in seiner
„Geschichte der Scheiße: Dunkle Materie“ (2011): „Scham und Ekelgefühle
setzten sich gegenüber den Geldinteressen durch – ein in der Geschichte
der westlichen Zivilisation vielleicht einmaliger Vorgang.“ Dabei wußte
man schon in der Antike, das der „Menschenkot“ ein hervorragender Dünger
ist. Mit der Renaissance wurden dann auch her erneut Fäkalien zur
Bodenverbesserung eingesetzt. Noch im 19. Jahrhundert versteigerte die
Stadt Karlsruhe laut Werner ihre Fäkalien meistbietend an die örtlichen
Landwirte. Pferdemist wurde auch später noch von Schrebergärtnern hoch
geschätzt – aber dann verschwandn auch die letzten Brauereipferde.

In den USA war der Humusverlust in der industrialisierten Landwirtschaft
und mit Rodung des Präriegrases um die Jahrhundertwende so weit
fortgeschritten, dass die Bodenkundler des Landwirtschaftsministeriums
1909 eine Forschungsreise nach China, Korea und Japan unternahmen. Der
Bericht ihres Leiters Franklin H. King: „4000 Jahre Landbau“ (er wurde
auf Deutsch zuletzt 1984 veröffentlicht) ist inzwischen ein Klassiker:
Die Autoren geben darin ihrer Überzeugung Ausdruck, dass die
amerikanische Landwirtschaft unbedingt von der in diesen Ländern
praktizierten lernen muß: „In Amerika verbrennen wir ungeheure Mengen
Stroh und Maisstrünke: weg damit! Kein Gedanke daran, dass damit
wertvolle Pflanzennährstoffe in alle Winde zerstreut werden.
Leichtsinnige Verschwendung bei uns, dagegen Fleiß und Bedächtigkeit, ja
fast Ehrfurcht dort beim Sparen und Bewahren.“ Noch mehr gilt das für
den Umgang mit Fäkalien. Er wird auf Schiffen zusammen mit Schlamm aus
Kanälen transportiert, an Land gelagert, dann in Gruben an den Äckern
geschüttet, wobei man dazwischen Lagen mit geschnittenem Klee packt und
„das Ganze immer wieder mit Kanalwasser ansättigt. Dies läßt man nun 20
oder 30 Tage fermentieren, dann wird das mit Schlamm vergorene Material
über den Acker verteilt.“ Die US-Agrarforscher halten die „landbaulichen
Verfahren“ der Chinesen, Koreaner und Japaner, mit denen sie
„jahrhundertelang, praktisch lückenlos, alle Abfälle gesammelt und in
bewundernswerter Art zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und Erzeugung
von Nahrungsmitteln verwertet haben, für die bedeutendste Leistung der
drei Kulturvölker.“ Wenn man sie studieren will, „dann muß man auf das
achten, was uns die Hauptsache zu sein scheint, dass nämlich unter den
Bauern, die die dortigen dichten Bevölkerungen jetzt ernähren und früher
ernährt haben, richtiges, klares und hartes Denken Brauch ist.“

Daran mangelt es hierzulande den letzten Hightech-Bauern anscheinend:
Allein in Deutschland gehen in der Landwirtschaft im Durchschnitt pro
Jahr und Hektar zehn Tonnen fruchtbarer Boden durch Erosion und
Humusabbau verloren. Dem gegenüber steht ein jährlicher natürlicher
Bodenzuwachs von nur etwa einer halben Tonne pro Hektar. Der Boden wird
also rund 20-mal schneller zerstört, als er nachwächst, warnte die
Naturschutzorganisation WWF zum Start des internationalen UN-“Jahr der
Böden 2015“. Insgesamt gehen der deutschen Landwirtschaft damit 120
Millionen Tonnen fruchtbarer Boden pro Jahr verloren. Weltweit sind es
mehr als 24 Milliarden Tonnen, die jährlich durch Erosion abgetragen
werden.

Mancher Bauer denkt, Kuhdung statt Kunstdünger wäre schon Bio – der
kurze Weg vom Dung zum Erhabenen. Zur „Humifizierung“ biologischer
Abfälle gehört jedoch weitaus mehr, wie der Bodenforscher Siegfried
Lübke im Vorwort zum „Handbuch des Bodenlebens“ der Mikrobiologin Annie
Francé-Harrar meint; er erwähnt darin sein Entsetzen, „als 2003 eine
Praktikantin berichtete, wie sie von dem Bodenleben ihrem
landwirtschaftlichen Lehrer erzählte. Daraufhin schnauzte der sie an:
‚Was? Bakterien, was haben denn die im Boden zu tun?‘“

Annie Francé-Harrar veröffentlichte ihre Forschungen über
Bodenorganismen bereits in den Zwanzigerjahren. Neben einem „Handbuch
des Bodenlebens“ publizierte sie 1950 „Die letzte Chance – für eine
Zukunft ohne Not“. Beide Bücher wurden 2011 von der „Gesellschaft für
Boden, Technik, Qualität“ neu herausgegeben (letzteres kann man sich
kostenlos runterladen). „Die letzte Chance“ – damit meint die Autorin:
Wenn wir nicht schleunigst den Wald retten und die Humusschicht auf
unseren Böden verbessern, dann ist es um das Leben auf der Erde
geschehen: „Wir, unsere ganze Generation, stehen vor einem Abgrund, denn
Humus war und ist nicht nur der Urernährer der ganzen Welt, sondern auch
der alles Irdische umfassende Lebensraum, auf den alles Lebende
angewiesen ist.“ Um den Humus zu erhalten, müssen wir die
Mikroorganismen im Boden, die ihn schaffen und von denen die Pflanzen
abhängen, von denen wiederum wir abhängen, studieren und kennen, um sie
bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen und nicht – wie jetzt noch –
permanent behindern: „Seit Jahrhunderten haben wir unsere Böden kaputt
gemacht.“

Während die Mikrobiologin die Ursache des zunehmenden Humusverlustes vor
allem im Rückgang der Wälder und der damit zusammenhängenden
Bodenerosion sah, hält die Tierärztin Anita Idel die Reduzierung von
Weideland und damit die Zerstörung der Verbindung (der „Ko-Evolution“)
von Gras und Wiederkäuer für die Ursache. Ein Schutz der
Graslandschaften – Steppen, Savannen, Prärien, Tundren und Pampas –
durch nachhaltige Beweidung erhalte deren noch weltweit größte
CO2-Speicherkapazität und trage wesentlich zur Humusbildung bei,
schreibt sie in ihrem Buch „Kühe sind keine Klimakiller“ (2010).

In China handelt man dem zwar zuwider, indem man sich heute bemüht, die
Viehzucht zu industrialisieren, aber bei der Wiederaufforstung liegt das
Land vorne: „Bei dem seit Mitte der 70er Jahre laufenden Programm
wurden bereits Bäume auf einer Fläche entsprechend der von
Großbritannien angepflanzt,“ meldete das Wissenschaftsmagazin
„spektrum“. Das „waldwissen.net“ ergänzte: „Infolgedessen steigt die
Waldfläche Chinas derzeit jährlich um 2,8 Millionen Hektar an.“

Im Westen weiß man seit Homer, dass und wie Arkadiens Wälder für den
Schiffsbau vernichtet wurden. 400 Jahre später beschrieb Platon in
seinem „Kritias“ die Folgen: durch Erosion und Humusschwund
„übriggeblieben sind nun im Vergleich zu einst nur die Knochen eines
erkrankten Körpers, nachdem ringsum fort geflossen ist, was vom Boden
fett und weich war, und nur der dürre Körper des Landes übrigblieb.“ Als
Immer-noch-Griechen bekümmern wir uns lieber um den eigenen Körper:
„Feuchtgebiete“ nannte Charlotte Roche ihren Roman, der u.a. von
Analerotik und Exkrementophilie handelt; „Darm mit Charme“ hieß 2014
ein Bestseller von Giulia Enders, in dem es darum geht, dass der halbe
Kreislauf vom Essen zur Scheisse funktioniert, die andere Hälfte, der
unterbrochene Kreislauf von der Scheisse zum Essen, bleibt gewissermaßen
außen vor. Daran hat auch der Bunuel-Film „Das Gespenst der Freiheit“
(1974) nichts ändern können, in dem man schon mal gemeinsam scheisst,
sich zum Essen aber auf ein „stilles Örtchen“ zurückzieht.

Freundliche Grüsse
Helmut Höge

Ein Kommentar zu “Bobo‘s Brösel

  1. Detlef Siegfried

    Lieber Herr Pieper,

    es freut mich, dass Sie mein Buch über Ernest Borneman zur Kenntnis genommen haben. Und selbstverständlich wird „Ein lüderliches Leben“ nicht nur erwähnt, sondern ausführlich zitiert – als bisher wichtigste Darstellung zu Bornemans Leben.

    Herzliche Grüße aus Kopenhagen
    Detlef Siegfried

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