123. Herbstanfangs-Brösel

1. • Herbst Anfang
Ich wünsche Dir, daß Du gut in den Herbst gerutscht bist…

2. • Buchmesse & Cafe der Verlage
Vom 11. bis 15. Oktober findet in Frankfurt wieder die Buchmesse statt. Ich werde wohl die ersten drei Tage am Stand bzw. in unserm Cafe der Verlage auftauchen …
Halle 3.1,Gang CID, Stand C57 – D62

3. • Der Grüne Zweig 301: Craig Carpenter
Dieses Büchlein wird erst nach der Buchmesse erscheinen

4. • Waschmaschine?
Unsere Waschmaschine hat ihren Geist aufgegeben. Hat jemand in der Region eine günstige abzugeben?

5. • LSD-Ältestenrat

LSD und die Gegenkultur der sechziger Jahre in Europa
Mit Brummbär, Sergius Golowin, Urban Gwerder, Werner Pieper, Ronald Steckel, Simon Vinkenoog, Moderation: Günter Amendt

6. • Philip K. Dick & Robert Anton Wilson
www.paranoiamagazine.com/pulling-the-cosmic-trigger-the-contact-experiences-of-philip-k-dick-robert-anton-wilson

Sehr lesenswerter Update über Sirius, Wilson, Dick, Leary, Albert et al.

7. • Schönes deutsches Sprache
Hallo,
Es tut mir so leid, aber dein Ersatz erwies sich als nicht verfügbar und wir haben keine anderen Exemplare. Ich habe dich jetzt in vollem Umfang zurückerstattet. Meine aufrichtigsten Entschuldigungen für irgendwelche Unannehmlichkeiten.
Kind Regards, Celeste Milon, Brit Books
& von der Rechtsabteilung der VG WORT (auf deren Klage ich warte…) werde ich als Schizo eingestuft:
„Schließlich sind Sie als Autor einerseits und Ihr Verlag anderseits aus Sicht der VG WORT grundsätzlich unterschiedliche Vertragspartner…“ …zumal ich ja keinen ‚Verlag‘ betreibe, sondern amtlich eingetragene ‚Medienexperimente‘…

8. • Remann‘scher Summer of Love ReMix
Micky Remann
LIEBLOSER HERBST
der Sommer 2017 ist vorbei, ein eher lieblos daherkommender Herbst kündigt sich an, die Reminiszenzen an den aufregenden „Summer of Love“ vor fünfzig Jahren sind alle publiziert, gesendet und gefeatured, so dass ich in aller Ruhe einen Artikel aus dem Jahr 1987 recyclen kann, der das damalige zwanzigjährige Jubiläum des Summer of Love zum Thema hatte. Ich lebte in San Francisco und ließ mich vom Strudel des Rückblicks auf das legendäre Jahr 1967 treiben.

Damals gab es noch die Zeitschrift ‚Transatlanik‘, in der nicht nur unvorstellbar lange Artikel veröffentlicht wurden, sondern die ihren Autoren vergleichsweise auskömmliche Honorare zahlte. Das nur nebenbei und als Hinweis, dass hier ein unvorstellbar lange Artikel gepostet wird, der 1987 mir einen weiteren Monat San Francisco Aufenthalt ermöglicht hat:
SUMMER OF LOVE

Es ist soweit. Eric und Claire klopfen an die Tür, um mich zum Konzert abzuholen. Double feature der Grateful Dead mit Bob Dylan, drüben im Oakland Coliseum. Eric, da habe ich keine Zweifel, wird eines Tages Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Vor zwanzig Jahren lief Eric im Verein mit hunderttausend Babyboomern die Haight Street auf und ab, um Weltgeist zu tanken. Beim ersten Zug aus dem Joint schaute er in einen Tunnel und wusste auf Anhieb, dass er Politiker werden würde.

Ich schreibe aus San Francisco, dem Reagenzglas des Wassermann-Zeitalters, dem modernen Alexandria vor der Zerstörung der Bibliothek, Orakel-Stätte und Troubadour- Country, Universitas und Ashram, Realitäts-Relais und Mysterien-Destille, Hebamme des Wassermann-Zeitalters am Saum der Epochen, wo die spirituellen und Computergeschäfte von heute immer noch als Fortsetzung psychedelischer Pioniertaten begriffen werden, das Ganze haarscharf über der Erdbebenritze, aber immer mit Musik.

Ich habe mir mit dem Ticket für heute Abend gleich die neue Grateful Dead Platte gekauft und übe schon heimlich Mitsingen. 1967 fand hier der Summer of Love statt. Ein Jahr, wie ein Fernrohr auf die Zukunft, das sich eine ganze Generation vor die eigenen, und nur vor die eigenen Augen halten konnte, denn andere sahen nicht so viel. Behelfsweise nannte man das Erspähte Halluzination. Inzwischen ist die Saat aufgegangen, das Korn steht nicht schlecht im Wind und hat sogar die Weihe der Geschichte empfangen. Wir wollen aber festhalten, dass es ohne die Halluzinationen nie soweit gekommen wäre.

Dass die ersten LSD-Trips vom Geheimdienst unters Volk gebracht wurden, sei der klassische Gottesbeweis unserer Zeitenwende, sagt Ken Kesey, Einer-flog-übers Kuckucksnest Autor. «Gott hat schließlich Humor», fügt er an, «der Teufel lacht nicht.» Anfang der sechziger Jahre versuchte die Centrale Intelligenz Agentur herauszufinden, mit welchen Mitteln man die Leute so verrückt im Kopf machen kann, dass sie alles gestehen, was sie jemals würden verbrechen können. Unter dem Einfluss von LSD wurden sie geständig. Sie gaben freimütig zu, Gott gesehen zu haben, wenn nicht gar zu sein. Bedarf es noch irgendwelcher Indizien? Damals wurden kalifornische Studenten noch mit 75 Dollar belohnt, wenn sie sich zu Versuchen mit der Chemi- kalie C15H15N2 CON (C2Hs)2 oder auch Lysergic ACID Diethylamide bereiterklärten. Soldaten, denen man unter allerhand Vorwänden wie: Test einer neuen Gasmaske, die Einnahme von LSD befohlen hatte, waren darüber mehr oder weniger dienstuntauglich geworden, weshalb man lieber zivile Freiwillige das durchleben ließ, was für chemisch hervorgerufene «Modellpsychosen» gehalten wurde. Ken Kesey unterzog sich ihnen genauso regelmäßig wie er dafür abkassierte.

So fing es an. Sich als den epochalen neuen Menschen wiederzuerkennen, der das komplette Universum liebt, weil es bunt wie zehntausend Pfauenräder ist, ein Mensch zu sein, der sogar ins Innere der Ärzte mit ihren Fragebögen und Blutdruckgeräten schaut – für diesen bahnbrechenden Trip wurde man entweder bestochen oder dazu abkommandiert. Viele der zwangspsychedelisierten G.I.s verklagen deswegen noch heute das Pentagon auf Schadenersatz. Die Enthemmung des Bewusstseins geschah unter Aufsicht der Autoritäten, aber weit außerhalb ihres Geltungsbereichs.

Wo sich die Gelegenheit bietet, frage ich die Leute nach ihren Erinnerungen an jene Zeit, da die Tür aufging. Joan war im Summer of Love gerade 10. Ich traf sie auf der Immer-noch-Hippie-Hochburg Haight Street bei der «All Beings Parade» zur Sommersonnenwende. Mit langen roten Haaren und einem weißen Kleid hielt sie die Stange eines Transparents. Um sie herum mäanderten 1 500 kostümierte Teilnehmer, Blumen, Weihrauch, Blasmusik, Schminke, eine Pappschnecke auf zwei Rädern und ein Hund auf vier Beinen. Auf dem Transparent stand: All Beings Unite! – Alle Lebewesen, vereinigt euch! «Ich erinnere mich an die Poster im Zimmer meines älteren Bruders, Janis Joplin, Grateful Dead und so weiter», er zählt Joan, die nicht die einzige ist, die heute mit lindem Lächeln die Atmosphäre verlieblicht. «Daheim stritt er sich meist mit meinem Vater, während Mutter weinte, gefolgt von Türenschlagen und Reifenquietschen. Sobald mein Bruder gegangen war, schlich ich auf sein Zimmer und hörte mir Room to Move von John Mayall an, über Kopfhörer. Dann lag ich mit geschlossenen Augen auf der Matratze und spielte ‚auf Trip sein‘.»Mir wird ein Flugblatt in die Hand gedrückt: «Harmoni- sche Konvergenz, 16. August 1987, ein Energierutsch für die ganze Erde, Einklang mit allem Leben!»

Die Idee zur Parade aller Lebewesen hatte Bill McCarthy von Summer of Love Productions, einer Firma auf Spendenbasis, die eine Reihe von Events zum Thema «The Sixties meet the Eighties» auf die Beine stellt. Bill stammt aus einer konservativen Ostküstengegend und kam damals gerade rechtzeitig nach San Francisco, um überwältigt zu sein. «Einerseits wollte ich mittenrein tauchen, andererseits hatte ich Angst und wollte zurück. Wenn du plötzlich mit aller Freiheit, die du dir je wünschen kannst, konfrontiert wirst, kommen deine Koordinaten ins Wanken und du fängst an zu urteilen: dies ist richtig, dies ist falsch, soll, kann, darf ich das wirklich alles wollen?» Bill wendet den Blick nach oben: «Ich danke Gott, dass ich hiergeblieben bin.»

Ein neues Zeitalter beginnt, indem es seinen vergangenen Ursprung beschwört, die Renaissance, das alte Griechenland, das Wassermann-Zeitalter, den Sommer der Liebe in San Francisco. Ad fontes! Zur Quelle! To the source! «Sorcerer», damit etymologisch verwandt, heißt Zauberer. Dieser spezielle Wassermagier sitzt bei den Nebelschwaden unter der Golden Gate Bridge und zaubert die Zeit von der Quelle ins Flussbett der Geschichte. Die Geschichte fließt dann wie gehabt den Bach runter. Auf der Haight Street geht es nicht durchgängig festlich zu. Glasige Blicke von runzelhäutigen Easyridern gehören genauso zum Alltagsbild wie ruppige Offerten der Art «You want some fucking acid or what?» Damals, in jenem mythischen Damals, von dem jetzt alle sprechen, waren noch andere Quellen offen. Um ihnen nahe zu sein, besorgte sich Ken Kesey einen Job als Nachtpfleger auf der psychiatrischen Station jenes Krankenhauses, in dem LSD und ähnliche Kuckuckseier getestet, beziehungsweise ausgebrütet wurden. Die diensthabenden Psychologen dachten nicht im Traum daran, Geister zu rufen, die sie in den nächsten zweitausend Jahren Wassermann-Zeitalter nicht mehr loswerden würden. Wenn ein Patient Kesey mit den Worten ansprach: «Wusstest du, dass auch die Bettwurst eine Waffe sein kann?» sagte Ken begeistert: «Moment, lass mich das aufschreiben» und rannte zur Schreibmaschine. Und dass der Ich-Erzähler des Kuckucksnest-Romans ein schizophrener Indianerhäuptling ist, kommt, weil der Autor die ersten Kapitel unter Peyote-Einfluß schrieb. Zum Schichtwechsel am nächsten Morgen rollte Ken Kesey der Stationsschwester auf dem Linoleumboden entgegen und ab in die Literaturgeschichte. ‚Einer flog übers Kuckucksnest‘ erschien, unter begeistertem Applaus der Kritiker, im Jahre 1962, welches laut Berechnung von Graf Keyserling den Beginn des Wassermann-Zeitalters markiert.
Die Parade aller Lebewesen wälzt sich zur Sommer- sonnenwende 1987 weiter durch die Haight Street. Dar- unter ein Pappmachée Reagan, zwanzig fesche Steptanzerinnen und ein tanzender Bastrockschamane, der die lange erwartete Wiederkunft des mexikanischen Sonnengottes darstellt. In seinem Windschatten folgt ein fröhlicher junger Mann, der mich fragt, ob ich schon von der «Harmonic Convergence» am 16. August gehört habe. Ich gebe mich als Fachmann zu erkennen, indem ich auf das mir ausgehändigte Flugblatt verweise. Der Mann ist aber im Recht, wenn er sagt: «O.k. aber diese Schrift hast du noch nicht.» Es wird darin für ein channeling event geworben, wo die Erdgeister zum Phänomen des 16. August Stellung beziehen werden. «Der zu erwartende Energiewechsel muss nicht beängstigend oder turbulent ausfallen. Es gibt Helfer, die den Übergang unglaublich leicht und vergnüglich gestalten werden, sofern wir mit den höheren Resonanzen der Erde harmonieren.»

Nun bewegt sich der Umzug vorbei am King Cobra Crescent Moon Cafe, Double Rainbow Natural Ice Cream, For Heaven‘s Cake Bakery dem Second-Hand Laden Revival of the Fittest und dem Full Moon Saloon, wo heute die Freaky Executives spielen. Vom Pazifik weht frische Meeresluft in den Sonnenschein, bärtige Hippies mit orangener Weste und Walkie-talkie leiten emsig den Verkehr um. Auf der Straße, allem Revivalgebimmel der Medien zum Trotz, keine Touristen, sondern lauter grinsend grüßende Beteiligte. Bis auf Punkfrisuren und Joggingschuhe könnte es auch 1967 sein und in der Pizzeria Escape from New York bin ich augenscheinlich der einzige über dreißig. Mit Käse und Oliven zwischen den Zähnen lese ich (denn wer liest, dem muss man sein Alter nicht vorwerfen), dass die Aufregung um die harmonische Konvergenz am 16. August auf einer alten Weissagung der Mayas beruht, die für dieses Datum die Rückkehr ihres Avatars Quetzalcoatl vorgesehen habe.

Mitte der sechziger Jahre, LSD war noch legal, Marihuana noch nicht, erlangte Ken Kesey mit psychedelischen Parties in seinem Gartenhaus einige Bekanntheit. Die Zusammenkünfte waren klein aber hip und konnten von niemand mit einem Verständnis von Macht und Masse ernst genommen werden. Bei einer Razzia wurde Ken mit Gras auf der Toilette erwischt, verhaftet, und wieder freigelassen. Darauf schmiss er eine Orgie, zu der er auch die Hells Angels einlud. War das bevor oder nachdem die eine Vietnam-Demo in Berkeley aufgemischt haben? Allen Ginsberg war auf der Party dabei und schwärmte später seitenlang von schlanken Ledermännern, die die Nacht durchtanzten, von Frauen in kurzen Kleidern mit blumenbestückten Haaren, sowie vom Rotlicht der Polizeiwagen, in dem die Anwesenden flackerten wie unter den Ägiden eines unheimlich erotischen Leuchtturms. War es diese oder eine andere Nacht, da Ginsberg den Begriff prägte?

In und um San Francisco begann Ken Kesey nun seinen rituellen LSD-Punsch zu servieren, den Acid Test, dem Tom Wolfe ein ganzes Buch widmete. Über Nacht wurden aus Physikern Astrologen und aus Persönlichkeiten Wachsfiguren, die im Dunkeln leuchteten. Stephen Gaskin, der spätere Moses der Landkommunenbewegung, hatte mittlerweile aufgehört, Strafzettel zu zahlen, denn er sagte sich: «Bis die fällig werden, ist längst die Regierung gestürzt.»

Die Amerikanische Traumfabrik spült diese Heldentänzer an den Horizont, sie erklimmen einen Hügel nach dem anderen, just um zu sehen, was auf der anderen Seite für Gras wächst, immer weiter, hügelauf, hügelab, und wenn es geographisch nicht mehr weiter geht, dann wird das Lasso eben spirituell geworfen. Die Sonne scheint, aber nicht nur das, nein, sie ruft, sie pulsiert, das Gras hört ihre Signale und wächst und wir hören das Gras wachsen, wozu sonst hat uns die Menschheitslawine hierhin katapultiert? Wir stampfen das soziale Mandala der Zukunft aus dem Boden, so wie es aus dem Himmel pulst, rhythmisch, mit Musik, bis die Füße dampfen und das dritte Auge schillert. Wenn sich das Bewusstsein erweitert, dann liegt das in seiner Natur. Das Bewusstsein wird schon wissen, was es macht, oder es ist seines Namens nicht würdig.

Heute nimmt Ken Kesey an einer der zahllosen 20-Jahre- danach-Veranstaltungen teil. Es gibt Filmfestivals, psychedelische Posterretrospektiven, Sixties Musik auf allen Kanälen. Die Podiumsrunde im Palace of Fine Arts wurde von der Universität Berkeley zusammengebracht und hat Scharen von Interessierten angelockt. Ken Kesey, rundlich von Statur, kahlköpfig bis auf einen weißen Kranz, geht im längsgestreiften Hemd mit darüber kringelnder Krawatte athletisch aber gemütlich auf dem Podium hin und her («Ich kann besser reden, wenn ich laufe»). Im Saal dominieren nicht die alten, beziehungsweise ehemaligen Hippies, sondern aufmerksame, neue Leute. Keine Frage, sie sind hier, weil sie etwas wissen möchten. Ken: «Es hat mit dem Beat zu tun. Der Beat wird mal stärker und mal schwächer. Er begann vor tausenden von Jahren, als sich jemand sagte: ‚Hey, statt diesen Kerl mit dem Pfeil abzuschießen, könnte ich mich auch mit ihm anfreunden‘. Es gibt Lieder, die haben diesen Beat. Immer wenn ich höre ‚Come on people now, smile on your brother‘, dann denke ich: jetzt sagst du was, DAS ist spannend.» Neben mir sitzt ein Pärchen im Halbdunkel, nicht allzu eng, aber doch umschlungen. Beide sind Anfang zwanzig und studieren die Geschichte sozialer Bewegungen. Außerdem mögen sie die Grateful Dead, «weil die noch am Leben sind.» Derweil definiert Ken Kesey Freiheit als «die Freiheit, etwas zu tun, bevor man sich‘s durch Herumgrübeln verbietet.»

1964, LSD war immer noch legal, ging Ken Kesey mit dem Prototyp eines Hippie-Busses, bemalt wie von Hieronymus Bosch in der Bugs Bunny Show, auf Reisen. Mitfuhren ein Helikopterveteran aus Vietnam, der Schriftsteller Neal Cassady, Speed-Freak und Überläufer der Beat-Generation, der das Vorbild für Kerouacs ‚On the Road‘ abgegeben hatte. Er saß meistens laut über fünfdimensionale Kreuzungen philosophierend am Steuer, dann eine Schauspielerin namens Mountain-Girl mit ihrem Baby Sunshine, wechselnde Freunde, Nomaden, Geliebte, Musiker und Druiden. nannte sich Ken Keseys Gruppe, was zwar sehr altenglisch klingt, aber eher so etwas wie angeturnte Schlawiner meint. Wohin sie sich ergossen, war der Free-wheeling-Nirvana-Boogie ein viraler Infekt und unbegrenzte Vision die Grundlage des Mehrwerts. Dem waren weder die Protagonisten noch ihre Gegner gewachsen und es blieben von beiden welche auf der Strecke. Der umgebaute Schulbus aus dem Jahre 1939 steht jetzt in Ken Keseys Scheune in Oregon. Ken Kesey ist heute Farmer. Eigentlich wollte den Bus das Smithsonian Institute in seine Sammlung kostbarer Americana aufnehmen. Aber vorerst steht der Bus noch zwischen Ochs und Esel im Stroh.

Vor zwanzig Jahren saß ich einmal mittags nach der Schule im Wohnzimmersesel zu Frankfurt am Main, wo meine Eltern unter anderem die Encyclopaedia Britannica im Bücherschrank hatten. An jenem Tag war gerade der Ergänzungsband in der Post gewesen. Ziellos blätterte ich darin herum, ich glaube, mein Magen knurrte, bis ich unter auf eine erregende Eintragung stieß. Eine Hippiefrau beschrieb darin, wie sie von Ohio nach San Francisco getrampt war und was es dort alles zu erleben gab, mit den Blumen und den Leuten und der Musik im Golden Gate Park. Wie fern, wie authentisch, vor allem wie magnetisch! An Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass sie alle Tramper vor einer bestimmten Sorte Autofahrern warnte: vor denjenigen, die erst an einem vorbeifahren und dann wieder umdrehen, um einen doch noch mitzunehmen. Sie sei zwar voller Liebe zu allen Menschen, aber solchen ominösen Kandidaten würde sie sich nicht anvertrauen, schrieb die Hippiefrau in der En- cyclopaedia Britannica und ich dachte: endlich mal ein Hinweis, der was taugt fürs wirkliche Leben. Dann rief meine Mutter, das Essen sei fertig.

Jetzt ist die Zeitspirale einmal rundgekommen. Alle erinnern sich, niemand war dabei. Good trip, bad trip – who knows? Zwanzig Jahre danach werden sämtliche Veteranen‘ reaktiviert, kommt der Summer of Love auf die ersten Seiten aller amerikanischen Zeitungen. Es wird abgewogen: war Jimi Hendrix besser als Vietnam, was it love or was it just confusion? Es wird verglichen: das Klischee mit dem Mythos, die Droge mit der Wirklichkeit, das Einst mit dem Jetzt. Aber weil niemand weiß, wie es damals wirklich war, ist es eben heute genauso wirklich wie immer. Eine Umfrage hat ergeben, dass eine überwältigende Mehrheit der amerikanischen Teenager von heute sich wünscht, in den Sixties zu leben. Sie sind überzeugt, dass das Leben damals nicht so ein mittelmäßiges Hackfleisch, sondern far out gewesen sei. Die versammelten Podiumsexperten entgegnen ihnen darauf, falsch sei daran einzig die Annahme, diese Option sei heute nicht mehr verfügbar. Widerstand? Ja, auch Widerstand gilt es zu leisten: gegen das Bedürfnis, nach Hause zu gehen und alles im TV zu verfolgen. Abbie Hoffmann, der amerikanische Dany Cohn-Bendit, klappt seinen Parka auf, sodass die Hemdaufschrift zu lesen ist: «Mein Land hat Nicaragua überfallen und das einzige, was ich davon habe, ist dieses lausige T-Shirt».

Als Abbie Hoffman nach der Diskussion in sein Zimmer im Mark Twain Hotel geht, findet er es aufgebrochen und durchwühlt vor. Gott? CIA? Halluzination? Trotzdem: There must be a party somewhere und in der Pranke des Adlers blüht die Glanzlaune erst richtig auf. Jemand fragt Abbie, was ihn so glücklich mache und er antwortet: «dass ich jeden Morgen aufwache und mich frage: »

Nicht unbedingt der Trip von Tom Robbins, Autor des ‚Jitterburg Parfume‘. Politik sei sekundärer Fall-Out, sagt er, sie biete eine Art Abwechslung, die nichts ändert und darum gerade so wichtig zu nehmen sei wie eine Dusche im Motel. Bei ihm waren es übrigens die Psylozibin Pilze, die als Mitautoren fungierten (von lat. fungus, der Pilz). lm eleganten Anzug, mit filigranen Goldringen an den Fingern, sitzt Tom Robbins die ganze Zeit stoisch relaxed im Sessel. Aber beim nächsten Satz blickt er energisch wie der junge Kennedy ins Publikum: «Unsere wirklichen Fragen sind philosophischer Natur. Eine Konferenz, die dabei den Beitrag von Halluzinogenen übersieht, ist wie eine Konferenz über Cheeseburger, die die Kühe außer Acht lässt.» Die letzte außerkurrikuläre Veranstaltung der Berkeley University, die derart starken Zulauf hatte, fand vor zwanzig Jahren statt. Thema: LSD.

Als nächster invoziert Steven Gaskin den Summer of Love, das zeitlose Land der unkorrumpierbaren Mög- lichkeiten: «Der Stein der Weisen liegt im Inneren eines Krötenkopfs und diese Kröte sind wir selber.» Der Vater der Landkommunenbewegung ist einer der wenigen, die heute noch so aussehen wie einer von damals. «Es war eine echte Frage, ob du am nächsten Morgen im selben Körper aufwachen würdest, indem du eingeschlafen warst.» Ob die Träume mit der Wirklichkeit aufräumten oder die Wirklichkeit mit den Träumen, blieb ungeklärt, weil unerheblich.

«Selbst der schlimmste persische Schwelgedichter hätte nicht unseren allergewöhnlichsten Tag erträumen können», wird Lou Welch zitiert, der selbst ein Dichter war, bis er eines Tages spurlos verschwand. Jemand erzählt, wie vor dem Haight-Ashbury Free Store Autos zum Mitnehmen abgestellt wurden. Papiere klemmten unterm Scheibenwischer. Nachdem man es als bösen Irrtum durchschaut hatte, verpflichtete Eigentum einzig dazu, es abzuschütteln. Steve Gaskin: «Es war, als hätte jemand eine Flasche Zaubersaft in den Geschichtsprozess gegossen.» In den Sitzen vor, hinter und neben mir haben es sich mir völlig unbekannte, nüchterne Zuhörer bequem gemacht, die sich die Erinnerungen der Luminarien reinziehen wie Blut- sauger. Wo gehen sie alle hin, die schwelgenden Erinnerungen und die schweigenden Leute? Mit denen würde ich heute keinen Trip nehmen wollen. Morgen auch nicht. Aber gestern? Ganz bestimmt, da hätte ich sie alle geliebt und sie mich auch. Hätte hätte, ja hätte! Ich möchte wissen, wie die Sixties ausgefallen wären, wenn schon damals jeder Konjunktiv zum Indikativ geworden wäre. Vermutlich nicht zum Aushalten.

Die letzten zwanzig Jahre waren der Kaffeefilter, den die blubbernden Visionen passieren mussten, um am 16. August harmonisch zu konvergieren. Apropos: Seitdem sich die Erwartung dieser eschatologischen Zwischenstation herumgesprochen hat, bereiten die Antennenträger des Weltgeistes allerorten Zeremonien vor, hinterlegen Kristalle an geomantischen Schlüsselpositionen vom Südpol über Tibet bis nach Bimini und Machu Picchu, treffen Verabredungen im Freundeskreis oder machen sich ihre archetypischen Privatgedanken. Die Eieruhr ist abgelaufen, der Zeitpunkt erreicht, da uns das Universum auf die Schulter tippt und vor die Alternative stellt: entweder harmonisch konvergieren oder freiwillig einpacken. Schlimm genug, dass wir uns auf der Erde wie toxische Parasiten aufführen, da brauchen wir nicht auch noch zu glauben, dass wir es sind. Zur Harmonic Convergence gibt es Konferenzschaltungen per Telefon entlang geomantischer Kraftlinien, Erdrituale zu Ehren der Großen Göttin, Performances, Gruppenmeditationen. Am heiligen Berg der nordkalifornischen Indianer, Mount Shasta, sind bereits alle Motels ausgebucht. Man rechnet mit mindestens 20000 Besuchern aus dieser und an- deren Weten. Wäre das ganze Ereignis nicht von einer gewissen penetrant messianischen Gelatine umwabbelt, man könnte es als einen Fall von partizipatorischer Erdkunst bestaunen. Jim Berenholtz, einer der Koordinatoren, erklärte uns neulich, über eine Kristall-Landkarte der Erde gebeugt, wie er diese Aktivitäten versteht: «Das ist, als ob du in einem Neubau die elektrischen Leitungen verlegst, damit, wenn der Strom angeschlossen wird, alles schön leuchtet.» Und am 16. August, wenn Quetzalcoatl den Schalter knipst, soll das neue Haus bezugsfertig sein, unser revidiertes geistig-molekulares Weltsensorium. Was im Summer of Love ‚67 der epochale Wassermann-Trip war, hat sich im Summer of Love ‚87 als harmonische Konvergenz reinkamiert. Genauso visionär, kollektiv, transhistorisch, gut, vage und wirklich wie damals. Ein Coming-out der psychosomatischen Astrologie vor zwanzig Jahren, ein Quasi-Quantensprung des planetaren Gesamtsystems heute. Ein kleiner Schritt für einen einzelnen blauen Planeten, aber ein großer Schritt für die ganze konfuse Menschheit.

Der Nachtclub I-Beam hat an diesem Sonntagnachmittag Räume für eine Veranstaltung von Summer of Love Productions zur Verfügung gestellt. Allenthalben fallen sich Bekannte in die Arme. «Du siehst jung aus.» «Das kommt, weil ich keine legalen Drogen nehme.» «Ha ha ha! Old Hippies never die, young Hippies never get old.» Ein energischer Trommler im Leopardenfell widmet seine perkussive Avantgarde Meditation dem Einssein mit der Schöpfung und ein Komiker erläutert den Unterschied zwischen den sechziger und den achtziger Jahren: «Damals steckten wir Blumen in die Gewehrläufe, heute stülpen wir Kondome drüber.»
Als nächstes die Cosmic Lady. Grin-send im wallenden Regenbogenkleid mit einem einzigen, rasend schnell abgespulten Satz: «Cosmic ist mehr als ein hippie-dippie-buzz Wort, jetzt, da wir uns dem ultimativen himmlischen Watergate nähern, werden wir eine Weltregierung mit intra-terrestrischer und/oder extra-galaktischer Geschmackswahl bekommen, darum umarmt euch selbst, dann wird euer eigener Geschlechtsmix eine überwältigende Mehrheit darstellen, Leben wird wichtiger als Geld und Krieg zusammen und darum denkt daran: Wir brauchen nicht länger Räuber und Gendarm mit diesem Planeten zu spielen.»

Arthur Meyer, der betagte und galante Konferencier mit Zauberhut, der schon 1963 in die Haight Street zog, «weil da die Mieten so billig waren», erkundigt sich bei Umbaupausen im Publikum nach Summer of Love Erlebnissen. «Auf unserem College fingen urplötzlich die Jungen und Mädchen sich zu umarmen an», sagt ein gepflegter Lockenkopf ins Mikrophon, heute, was sonst, Computermakler, «es war epidemisch, und es war wirklich Liebe! Die Lehrer blickten nicht mehr durch und stellten Schilder auf: Öffentliche Zärtlichkeitsbekundungen nicht erlaubt.»

Jenseits von San Francisco liegen andere Welten. Auf der einen Seite das offene Meer, der nackte Himmel und drüben, auf der anderen Seite, die Wasser der San Francisco Bucht und die Gestade der East Bay. Zum Osten gehört die nordamerikanische Landmasse, das Establishment und die Berkeley University. Ich stelle fest, dass sich ein Nachtclub am Nachmittag viel besser eignet, den Phänomenen auf den Grund zu gehen, als ein akademisches Auditorium am Abend.

Es berichtet Albert ‚Al‘ Cohen, ein imposanter Gesamtkünstler mit Baskenmütze, Gründer des des Prototyps einer Undergroundzeitung und bis heute im Stadtteil aktiv. «Die Leute hier aus Haight Ashbury misstrauten den politischen Aktivisten vom Berkeley Campus, weil die überall den Geist von Furcht und Konfrontation hineinzutragen schienen.» Das von Cohen Anfang 1967 mitveranstaltete im Golden Gate Park brachte jedoch die psychedelische und die politische Filiale erstmals zusammen. Die Fusion sollte besiegelt werden. Al Cohen: «Da kamen wir auf den Gedanken, nach Washington zu fahren und eine Exorzierung des Pentagon vorzunehmen.» Auch diese fixe Idee gerann über den Sommer der Liebe zur Tat. Zwanzig Jahre vor Oliver North und Fawn Hall zogen 50.000 Leute nach Washington, um der Exorzierung des Pentagon beizuwohnen: «All die Soldaten und Sekretä- rinnen, die nicht wissen, was sie tun, die Intrigen, die Bürokratie, der Hass, all das Gespucke im Verein mit Prostatakrebs auf dem Todesbett, all die einsamen Kriegsgeneräle mit gequälter Seele und dem Bild des Todes in ihrem Hirn – raus, ihr Dämonen, raus!»
Weiter geht es im Nachtclub mit Gedichten, Jongliernummern und Musik. Von den etwa 150 Anwesenden stand nach unseren Recherchen die Hälfte auf der Gästeliste, in der Regel tanzten fünf, während siebzig kifften, beziehungsweise sich die Computerlightshow anschauten, aber nur bis Holly Near und ihre Band los- und alles mitrockte. Holly Near erinnert sich an eine neue Wendung, die ihr Leben nahm, nachdem Janis Joplin auf ihrem Highschool-Fest aufspielte.

Sommer 1987: eine Suggestion stützt die nächste und erlaubt kein Entrinnen vor der Evidenz, dass die imperative Liebe wahr sein könnte, und die Trunkenheit mit ihr legitim. Natürlich steigt ein und dasselbe Soufflée nicht zweimal, weswegen die Aktiven von 1987 den Eindruck nostalgisehen Suhlens wohlweislich zu vermeiden trachten. Wir treffen die Leute von Summer of Love Productions in einem Appartment im Castro Distrikt. David, ein zwanzigjähriger Punk, öffnet die Tür. In der Küche sitzen keine Fabulous Freak Brothers, sondern vier prächtige Herren, die uns offerieren, was sie selber trinken, Bier und Wein. Sie produzieren eine Reihe von Events, deren Erlös an die San Francis- , caer Lebensmittelbörse geht: Wer zu den kostenlosen Summer of Love Konzerten im Golden Gate Park kommt, soll Esswaren mitbringen, die dann gleichentags an die Obdachlosen sowie an Sozialzentren in der Stadt verteilt werden. «Wir wollen nicht einfach die Sixties feiern, sondern sie so feiern, dass sich die Inspiration von damals der Situation der achtziger Jahre annimmt, und die heißt beispielsweise Armut», sagt Billy McCarthy, der Konzeptionist der All Beings Parade. Sein Kollege Pat Weeks: «Peace, Love und sich um einander kümmern, sind mit den Flower Children nicht verschwunden, vielmehr sind sie mit ihnen in die Ge- sellschaft getröpfelt.» Die Herren haben die letzte Nacht durchgemacht, um ihre Broschüre für den 87er Sommer zu drucken, wirken aber in ihrem Optimismus völlig ausgeruht. Ich habe die letzte Zeit immer ausgeschlafen, bin es trotzdem nicht und deshalb neidisch. Für die Bands ist es Ehrensache, ohne Gage im Golden Gate Park zu spielen, auch für die Janis Joplin Ex-Kapelle, die jetzt heißt. Peter Albin (43), Stan Andrew (45), David Getz (47) und James Gurley (47) proben bereits hot and heavy im Circus Studio in Mill Valley. Es fehlt ihnen nur noch die passende Sängerin.

Aber auch die Nachgeborenen wollen sich partout nicht damit abfinden, etwas versäumt zu haben. «Gestern rief eine Frau aus New Jersey an und wollte wissen, wer wir sind», erzählt Arthur Meyer, Theaterproduzent und langjähriger Zeremonienmeister der Haight-Kultur. «Unsere Nummer war auf ihrer Telefonrechnung aufgetaucht. Sie sagte: ‚Wie kommt das, ich kenne Sie nicht, ich kenne niemand in San Francisco, wieso habe ich Ihre Nummer auf der Rechnung?‘ Ich habe sie gefragt: ‚Madame, haben sie Teenager im Haus?‘ ‚Ja, wieso, einen Sohn und eine Tochter‘, sagte sie. ‚Dann wette ich, dass die unsere Nummer erfahren haben und wissen wollten, was hier los ist‘, sagte ich. ‚Sie meinen wirklich, meine Kinder rufen deswegen in San Francisco an?‘ fragte sie. ‚Da bin ich ganz sicher‘, sagte ich.»
Im 24-er Bus durch die Divisadero Street schrecke ich nicht davor zurück, mein geistiges Echo Scott McKenzies singen zu hören. Ich sehe schon die Leute aus Ohio und der Welt von ihren Computern und Cappuccinos aufstehen und nach Kalifornien trampen. Aber nicht vergessen: nie in einen Wagen einsteigen, der erst vorbeifährt und der Fahrer es sich dann noch mal anders überlegt!

Ich schaue auf die Uhr, es sind immer noch drei Stunden bis zum Konzert der Grateful Dead, dem 1655sten ihrer Karriere. Es war auf Ken Keseys Early Sixties Acid Parties, wo die Grateful Dead endlich ein Publikum fanden, das zu ihren lauten, nichtendenwollenden Stücken sogar tanzen mochte. Monatelang waren sie nur von einem Club zum anderen gebuht worden. Zwanzig Jahre später, immer noch die Kultband, haben sie es auf die Titelseite des Rolling Stone geschafft und gibt es Sänger Jerry Garcia als wuschelige Stoffpuppe im Souveniershop zu kaufen.

Joseph Campbell, der inzwischen verstorbene Mythologie-Emeritus, beschrieb ein Konzert, das er achtzigjährig besuchte, folgendermaßen: «Was ich vorfand, waren zehn- tausende von Leuten, die fünf Stunden lang hingerissen waren. Es war für mich das wahrhaftige religiöse Erleben. Die Herzen brachen auf und das illusionäre Ego-Selbst befand sich in einer spirituellen Erfahrung von Mitgefühl und Freude über das Zusammensein mit anderen, die diese Erfahrung teilten.» The Grateful Dead, die dankbaren Toten, sind dem Ägyptischen Totenbuch entnommen, wo sie die- jenigen Seelen bezeichnen, die die Unterwelt der Agonien, die Zerrissenheit zwischen Sein und Nichtsein erfolgreich durchschritten haben und darauf in den unsterblichen Wassern am Throne Osiris‘ angekommen sind, mit welchem sie eins sind. Die Grateful Dead, Hausband der frühen Haight Street, kamen erstmals auf dem Trips Festival im Fillmore Auditorium groß raus. Ken Keseys Merry Pranksters steuerten Strobo-Lights und Acid bei, Bill Graham sein Organisationstalent. Seit jener Veranstaltung vor zwanzig Jahren ist Graham der unangefochtene Mister Big des Westküstenrock. Neulich fand er noch einen anderen Job: Gorbatschows Born-Again-Hippies holten Bill Graham nach Moskau, wo er am 4. Juli 1987 das erste sowjetische Open- Air Konzert im Imzajlowo Stadion (Fillmore Far East) auf die Beine stellte. 1967 beim Trips Festival rissen San Franciscoer Cops um zwei Uhr nachts die Stecker raus, 1987 in Moskau rissen Soldaten der Roten Armee um zwei Uhr mittags die Eintrittskarten ab. Gib einem Trip zwanzig Jahre Geduld und er wird zur Tat. Keine Grenzen, keine Verzweiflung, kein Krieg. Santana, Doobie Brothers, James Taylor und Bonnie Riatt singen mit den Sowjetgruppen Sourenini, Pakrovsky, Nazareff und Autograf . Zwei Wochen danach gibt es auf dem Moskauer Filmfestival eine weitere Premiere. Den Sowjets flimmern die rebellischen Peyote-Visionen eines kalifornischen Psychiatrienacht- wächters entgegen. ‚Einer fiog übers Kuckucksnest‘ wird gezeigt.

Die Asche des Aquarius flattert mit den Flügeln. Quetzalcoatl, gefiederte Wasserschlange; Phönix und Pfiffikus, erleuchteter Venus-Stern des präkolumbianischen Amerika beantragt Asyl in der Gegenwart. Das war es, was in psychedelischen Fernrohren erschien, im Musical Hair als Age of Aquarius besungen und in angeturnten Kreisen als bare Münze diskutiert wurde. «Wir verbrachten die Tage und Nächte damit, herauszufinden, wie wir in unserer Kommune in Frieden leben konnten. Die Definition von Kommune hatte keine feste Grenze, manchmal San Francisco, manchmal die ganze Erde. Wir sahen unseren organischen Garten im Rahmen globaler Agrikultur und übersetzten unsere Freundschaften in internationale Beziehungen», erinnert sich Rose Farring- ton, die gerade mit der Gründung eines Wall Street Journal für die postindustrielle Marktwirtschaft befasst ist.

Vor zwanzig Jahren war Rose Sprachrohr der Legalize Marijuana Kampagne. Quetzalcoatl nimmt die Maske ab, hinter der er sich während der letzten paar Höllenzyklen versteckt hielt, das Buddha-Auge der Sonne weitet sich zur rubinroten Vagina und gebiert einen Strom glitzernder Göttinnen, den falschen Gerüsten geht die Puste aus, die Reparatur des Himmels kann beginnen. Du musst nur deine Kreditkarte fürs galaktische Telefon beantragen, am besten am 16. August. Nachdem die Bäume gestorben sind und die Tiere den Planeten verlassen haben, sammeln sich die Regenbogen-Samurais, um die Erde in ihrer ursprünglichen Schönheit wiederherzustellen, damit sie strahlt wie ein Weihnachtshologramm im All.

Ken Kesey und die Merry Pranksters waren eines Tages, drüben in Oakland, aufgekratzt in eine Kneipe gegangen und irgendwie lag im Moment, da sie eintraten, die Schlägerei in der Luft. Neal Cassady, der unausgesetzt monologisierende Speed-freak rannte von einem Redneck zum anderen und bot Kaugummis an. «Hey, you want some gum? You too, have some gum!» So wieselflink, dass niemand recht zur Besinnung und zum Zuschlagen kam. Die paläolithischen Schaltungen wurden kurzgeschlossen, die Regeln, nach denen Aggression, Monotonie und Bürokratie funktionierten in ihrem eigenen dunstigen Bann gefangen. Und mittenrein zuckte plötzlich Licht, grelles, verbotenes, inneres Licht. Ken Kesey: «Wir waren keine Seismographen, sondern Blitzableiter.» Für ihn kam das Pausenzeichen, als die ersten ihre Trips zum Business machten. Für Earle Brian, heute Lehrer, hörte die Zeit des neuen Menschen auf, «als ich ein Auto haben wollte, dem nicht mindestens zwei Scheiben fehlten.» Für Ron Thelin, Besitzer des ersten in der Haight Street, war die Zunahme von Kommerz und Bad Vi- brations das Zeichen, den Laden dicht zu machen. Er heftete einen Zettel mit der Aufforderung an die Tür und veranstaltete die zeremonielle . Es war der 4. Oktober 1967. In dem Laden, wo einen erstmalig jenes klassische Design aus Mandalas, Haschisch pfeifen und I Ging umfing, ist heute Marco‘s Pizza untergebracht. Ron Thelin ist Schreiner und dreifacher Vater.

Abwarten. Quetzalcoatl hat heute seine Federn auf der Wallstreet genauso wie im KGB hinterlegt und das Erbe der Experimente mit psychoaktiven Drogen wird heute auf der Harvard Business School gepflegt, wie Timothy Leary, der es wissen muss, nicht ohne Stolz bemerkt. Auch die Geschäftswelt fragt sich, in welches Zeitalter es sich noch zu investieren lohnt. Trotzdem, gesetzt den Fall, es passiert in den nächsten hundert Jahren nichts, was nicht auch an anderen Tagen hätte ausbleiben können, angenommen, die altamerikanischen Mayas (Maya heißt auf Sanskrit große Täuschung) hätten sich bei ihren Prophezeihungen verrechnet und/ oder den allzu leicht enthusiasmierten Kaliforniern einen Bären aufgebunden (der Bär ist das Wappentier Kaliforniens), was dann? Marilyn Ferguson, Autorin der ‚Sanften Verschwörung‘ kommentiert im Wall Street Journal: «Wenn all diese Wiederkehr-Szenarios nichts als metaphysische Schwungräder wären, die uns dazu bringen, so zu leben, als wären sie wahr, dann mag das genau die nötige Inspiration sein, um unseren Akt zusammenzukriegen.»

Dass sich im Herbst nach dem Sommer von 1967 Pioniere wie Ken Kesey und Ron Thelin aus San Francisco bereits abgemeldet hatten, fiel an der Oberfläche kaum auf. Im Gegenteil, es schien erst richtig loszugehen. Grace Slick besang Alice im bioelektrischen Wunderland, das Freewhee-ling-Nirvana für die Millionen schien zum Greifen nahe, los, je schneller, desto mehr, Rausch ist ontologisch genauso fundiert wie Ratio und Realität etwas für Leute, die nicht mit Drogen umgehen können. Stattdessen wurde LSD illegal, Ronald Reagan Gouver-neur von Kalifornien und das Polizeirevier von Haight Ashbury überschwemmt mit Suchmeldungen verzweifelter Eltern aus aller Welt. Sheriff Thomas Cahill, mittlerweile ein 78-jähriger Rentner, fasst seine Erinnerung mit dem Ausruf: «es war ein Alptraum!» zusammen. Ein Busunternehmen bot den an, eine Rundfahrt durch den Haight-Ashbury Distrikt. Den Touristen, die sie aus dem Fenster fotografieren wollten, wurden von den Hippies riesige Spiegel vorgehalten. Der freundliche Busfahrer mit Hans Moser Dienstmann Kappe und -Stimme erläuterte dazu, dass es sowohl «gute Trips» aber auch «schlechte Trips» gebe. Fremdworte wie Maarijuhana musste er von einem Zettel neben dem Lenkrad ablesen. Newsreporter mit Schlips und Mikrophon mischten sich unter die LSD-Parties, um bombenattraktive Zwanzigjährige nach ihren Entzückungs- und Entrückungszuständen zu fragen. Ein Reporter, der es genau wissen wollte, verkleidete sich als Hippie und berichtete einen Monat lang live im San Francisco Chronicle: «Sie kuschelten sich vor dem Drogstore Cafe. Es war kalt und regnerisch. ‚Hast du was Wechselgeld?‘ fragte mich die Fünfzehnjährige, während sie ihre triefende Federboa um den Hals drapierte. Sie nahm die 25 Cent, küsste mich auf die Backe und sagte: ‚thank you‘. Dann drehte sie sich um und gab das Geld einem Mann, der ein Batikhemd, eine Batikhose und eine schäbige beige Fellweste trug. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er die Münze und grinste mich frech an. Das war meine erste Nacht auf Haight Ashbury, der Welthauptstadt der Hippiebewegung.»

Polizisten und Dealer überzogen die Szene mit ihren Netzten und forderten ihren Zoll. Ken Kesey war in Mexiko untergetaucht, um sich der Verfolgung wegen eines Drogendeliktes zu entziehen, war dann aber wieder unter strengen Auflagen auf freiem Fuß. Die Situation war angespannt, als er mit den Merry Pranksters, mit der ganzen Fraktion der Eulenspiegels und Robin Hoods, noch eine große Acid Test Reifeprü- fung plante. Die Medien flatterten um seinen Bus herum, sie wollten endlich wissen, ob sich der alte Elan vital nun festnageln ließe, ob er durchschaubar werde, manipuliert oder manipulierbar sei, ob die Pranksters vielleicht militant auf die Barrikaden gehen, und überhaupt, wann sie endlich wieder irgendwelchen Spielregeln gehorchen würden, egal welchen. Wahrlich eine Reifeprüfung.
Ken Kesey äußerte, die Bewegung müsse nicht nur größer werden, sondern auch weiter gehen. lautete seine Parole und dass man die bekannten psychedelischen Konturen getrost hinter sich lassen könne. Das wiederum hielten andere für Verrat am Trip, wo doch die Leute gerade massenweise oooooom sangen wie die Laserstrahlen und die Türen in neue Bewusstseinsräume immer weiter aufgestoßen würden. Worauf Ken konterte: «Wenn du wirklich durch bist, brauchst du nicht immer wieder durch die selbe Tür zu gehen.» Bill Graham zog sich aus der Organisation der Acid Test Graduation Party zurück, sie wurde für rechtswidrig erklärt, fand dann aber dennoch im kleinen Kreis statt und zog sich bis in den frühen Morgen hin, wo alles schlagartig religiös wurde. «Drogen, Sex und Politik waren der Zuckerguss, aber der Kuchen war Gott», erinnert sich die graumelierte Mitvierzigerin, die heute in Santa Cruz beim Radio arbeitet.

Als Farmer in Oregon pafft Kesey noch Marihuana und nimmt gelegentlich LSD. Sein Schreiberkollege Robert Stone nennt ihn einen «psychedelischen Konservativen». Die jetzigen Mitfarmer und Ex-Prankster jubeln beim ländlichen Highschool-Fest ihren Baseball spielenden Kindern zu, auf dem Hof werden Lamas, Ziegen und Yoghurt kultiviert, es werden Anti-Apartheid und Pro-Marihuana Aktivitäten organisiert, ab und zu geht es in einem improvisierten Wanderzirkus auf Reisen. Ken Kesey sitzt an seinem dritten Roman, über Alaska. Am liebsten möchte er ihn in Form eines Videospiels schreiben, ein Mittelding zwischen Barden-Epos und 3-D Fernsehen, eine Geschichte, die einen atemlos auf den Stuhlrand rutschen läßt, als ob die Großmutter ein Geistermärchen erzählt. Zudem eine Geschichte, «die der Leser im Moment des Lesens neu schreibt.» Wie das? «Ich las einmal diese Zeile von Borroughs: ‚erwundete Galaxien klopfen an mein Fensters», erläutert Ken. «Genau in dem Moment rauschte bei mir eine Ente gegen die Scheibe. So!»

Der Literaturkritiker der New York Times meinte unlängst im Fernsehen, Kens Lorbeeren als Schriftsteller müssten erst noch erworben werden. Dass da einer in Millionenauflage übers Kuckucksnest flog, sei zwar ein Phänomen, gewährleiste einem über fünfzigjährigen Schrifsteller aber noch keinen Platz im Pantheon. Im Hintergrund des Kritikers werden furchterregend ordentliche Papierberge sichtbar. Ken Kesey, der Bücher lieber lebt als schreibt, malt riesige astrologische Figuren auf den Küchenboden. Wenn er nicht draußen im Regen Traktor fährt.

Es gibt keine Innovation der letzten zwanzig Jahre, die nicht schon im Kopf irgendeines Spaziergängers auf der Haight Street aufgeblitzt wäre. Kann jemand den Gegenbeweis antreten? Dennoch ist Lokalpatriotismus, sei er an der Zeit oder am Raum orientiert, fehl am Platz. Unter Stilaspekten ist San Francisco passée und der Summer of Love das, was er von Anbeginn war: eine Karikatur der eigenen Attribute. Aber die Essenz des Ganzen? Love, Peace, Freedom? Aber immer, her damit!

Wir haben im Oakland Coliseum Platz genommen und atmen tief durch. Musik! Das Baseball Stadion liegt wie ein gigantisches, ovales Ohr in der Luft, vom Boden keine Spur. «No bottles, no alcohol» steht zwar auf allen Tickets, aber auf einem Grateful Dead Konzert geht man immer mit mehr Rausch raus als rein. Mitten im Spielfeld wurde ein Stück Gras eingezäunt, ein Loch in der Tanzfläche, wahrscheinlich der UFO- Landeplatz. Die Grateful Dead spielen etwas rhythmisch-wippend Ägyptisches, begleitet von Fairlight-Mandalas auf der elektronischen Anzeigetafel, auf der zu anderen Anlässen Baseball-Ergebnisse aufleuchten. Das Durchschnittsalter der wogenden Göttinnen und Götter liegt ungefähr bei meinem plus deinem geteilt durch drei oder vier.

Wir schauen uns um und haben keinen Zweifel, dass es Menschen gibt, die sich selbst die Nächsten sind, weil sie sich selbst so lieben wie ihre Nächsten. Es ist jetzt dunkel, Sterne und Flugzeuge ziehen auf, die den Eindruck erwecken, gutmütige kosmische Entertainer zu sein. Aber wenn man das Fernrohr unten auf den be- leuchteten Rasen richtet, lässt sich vorstellen, es sei Woodstock und hellichter Sonnenschein. Als Bob Dylan dann näselt, wehen die bunten Heliumballons alle schlagartig von rechts nach links im Stadionwind. Vorher waren sie andersrum gesegelt.

Das mit harmonischen Konvergisten flächengedeckte San Francisco erforderte meine Anwesenheit am 16. August nicht und so entschied ich mich, Quetzalcoatl woanders zu erwarten, am Atlantik, auf der New Age freien Little St. Simons Insel, Georgia, bei einem schwarzen Musikfestival. Den Tag der Tage begann ich rituell mit dem Trunk einer Tasse heißer Schokolade und in der Hoffnung, dass mir die Offenbarungen nun wie Schuppen von den Haaren fallen würden. Schluckartig wurde mir klar, dass Schokolade ein im Spanischen verballhornter Abkömmling des präkolumbianischen Cacao-atl- ist, was soviel heißt wie . Der Ursprung von -atl-, Wasser, wird pho- netisch mit Poseidons Ex-Kontinent Atl-antis in Zusam- menhang gebracht. Nach dem Untergang von Atlantis emigrierte die Silbe -atl- einerseits Richtung Westen, nach Südamerika, zu Quetzalco-atl, der, wie wir wissen, mit Gefiederte Schlange (quetzal) des Wassers (atl), übersetzt wird, und andererseits nach Osten, ins transatlantische Europa, wo bei der Zeitschrift Trans-atl-antik gerade am Schwerpunktheft zum, wie es eigentlich heißen müsste, gearbeitet wurde.

Der Überlieferung nach war der Schokotrunk Cacao-atl von Gott Quetzalcoatl aus dem Paradies gemopst und den Menschen als Vorgeschmack auf dasselbe zum Kosten angeboten worden. Was zweierlei zur Folge hatte: Erstens, die alten Amerikaner schluckten das Zeug wie die Merry Pranksters LSD und mit ähnlicher Wirkung; zweitens, die anderen Götter wurden sauer auf Quetzalcoatl, weil er zuviel verraten hatte. Deswegen kapierten die Azteken auch nie, warum die Spanier ausgerechnet am Gold einen derartigen Narren fressen konnten, wenn doch die Cacao-Bohne in jeder Hinsicht wertvoller war. Als die Spanier dann doch mühsam auf den Geschmack kamen und das Cacao-atl Zeug erstmals über den Atlantik schifften, wurden sie von holländischen Piraten überfallen, die aber den ganzen Segen ins Meer kippten, weil sie die braunen Bohnen vom Paradies für ordinäre Schafscheiße hielten. Shit man!

Und nun saß ich am Tag der harmonischen Konvergenz bei den Nachkommen der schwarzen Ur-Bewohner aus Afrika von jenseits des Atlantik und sippte am Softdrink der ‚ Urgötter aus Altamerika diesseits von Atlantis! Selbstverständlich ist das Fruchtwasser der Erkenntnis, Cacao-atl, auch mit dem Getränk Coca Cola verwandt und so mögen wir es eher zwangsläufig denn wundersam nennen, dass das Coca Cola Hauptquartier in Atl-anta, Georgia, aufgeschlagen wurde. Von hier wird die geheimnisvolle Grundmischung an die Lizenz-Abfüller in aller Welt verschickt und mit viel Wasser, -atl-, verdünnt.

Beim Blättern in der Tageszeitung ‚Atlanta Constitution‘ vom 16. August brauchte ich nach weiteren Erhellungen zum Tage nicht lange suchen. Zwei gefangene Delphine, Joe und Rosie, seien an der Küste Georgias wieder an ein Leben auf eigene Faust und Flosse gewöhnt und darauf ins freie Meer entlassen worden, war dort zu lesen. Krabbenfischer an Bord der und hätten die zwei mit einem Kreis und einem Pfeil tätowierten Tiere bereits in der Gesellschaft ortsansässiger Delphine gesichtet, was für den Erfolg des ersten Projekts dieser Art spräche. Zuvor seien Joe und Rosie, so hießen die Delphine, an Kommunikations-Experimenten mit Dr. John Lilly in San Francisco, Kalifornien, beteiligt gewesen.

16. August 1987, Gospel und Blues so schwarz wie Coca Cola, guter, lässiger Soul mit der Kraft des reinen Südens. Die alte Generation der Sklavenkinder ebenso vertreten wie die urbanen Sophisticates mit Grace Jones Frisur. ln rosa Röcken und gelben Blusen loben die sweet Jesus mit Herz und Halleluja und der alte John McLeod fährt auf seiner Mundharmonika Güterzug. Harmonika Konvergenz. Schließlich waren es die musikalischen Schwarzen, von denen sich die Subkulturen des weißen Westens Rhythmus und Sprachfeeling borgten. Jazz, hip, cool, Blues, Jam, Jive, Beat, high, far out und too much – all diese plastischen Pictogramme haben ihre Wurzeln auf den Baumwollplantagen und damit letztlich in Schwarzafrika. «Praise the Lord! Praise the Lord!» ruft die rundliche Ansagerin im Blumenkleid immerzu, und dass es ihr egal sei, warum wir, das Publikum, uns zum alljährlichen Festival hier eingefunden haben, nur dass sie heute Morgen einzig und allein aufgestanden sei, um den lieben langen Tag den Lord zu praisen, Halleluja! Doctor Dixon, «who came all the way from South Caro- lina», singt eben den Blues, wie er wirklich ist, da geht ein Raunen und ein Deuten durch die Menge. Bewegung kommt auf, man verlässt die Klappstühle unter der riesigen Eiche und begibt sich die paar Schritte zum Atlantikstrand. Vor dem Hintergrund mächtiger Gewitterwolken, keinen Katzensprung entfernt, sind sie im Wasser zu sehen: sie surfen, swingen, tauchen und tanzen den Quetzalcoatl-Blues, so dunkel-blue wie die Halleluja-Wellen, denen sie entspringen. Ich wusste gar nicht, dass Delphine Neger sind. Die Blues-Audienz verlagert sich jetzt vollends von der windschiefen Bühne zum offenen Meer, bleibt aber mit schnippenden Fingern und wippenden Hüften stets im Rhythmus. Praise the Lord! Sing the Blues! Es fällt kaum auf, dass die Delphine jeweils bei den Harmoniewechseln mit der Schwanzflosse auf die Wasseroberfläche klatschen.

Mehr Lesestoff von Micky Remann:
www.gruenekraft.com/remann-micky
Der Globaltrottel, Ozeandertaler, Nachteule und Nachtrog, Solar Perlexus, Das Märchen vom Tausendfüßler im Rüsseldrachenland

9. • Vom Verlag, der die Neuausgabe der International Times herausgegeben hat
A message from Robert Montgomery- please help to support our small press for new poetry.

RIP to John Ashbery, who died on September 3rd 2017 at 90 years old: “Sometimes I get radiant drunk when I think of and/or look at you.// Overcome by our life with me in it. //And other mornings too your care is like a city with the uncomfortable parts// evasive and difficult to connect with the plan … “
As you may know aside from my work as an artist me and Greta Bellamancina run a small press in London dedicated to publishing new poetry We‘ve started a Patreon, and would be eternally thankful for your support:

www.patreon.com/newriverpress

You can be a supporter for $10 a month (or £7.50, subject to market volatility). For that, you will get access to regular posts put together by our own Rosalind Jana and Heathcote Ruthven. They will be writing pieces on New River poets, getting them to write about poems they love, interviewing them, and reflecting on life. If we get enough support we will start a monthly podcast. We are very excited about getting all these schemes off the ground so please do help us if you can.

In the spirit of DADAist collaborative works, we will be starting a monthly New River artists edition available exclusively through the Patreon (see link for more information). These will be collectables, stamped artists prints, collages, poetic confetti, manifestos, and other unique artefacts from Me, Greta, and the rest of the New River world.

All of this momentum will help us pay for printing costs for our autumn releases. MANY ARE ON THE WAY. We are very proud to announce that before the end of the year we will have published:

Barbara Polla, a book of erotic poems by an esteemed Swiss curator and writer.
A new book by the cult poet Robert Lundquist who was published by Raymond Carver in the 1980s before disappearing into the world of downtown LA. We have rediscovered a lost genius.

Niall McDevitt‘s epic new work Babylon (a neoliberal theodicy), and other poems, based on his recent trip to Iraq.

The New River Press 2017 Yearbook, a hugh collection of all of our friends, including many topic poems that capture the spirit of ‚17.

New editions of sold out books, including Coltash by Robert Montgomery and Perishing Tame by Greta Bellamancina.

More plans are in the pipeline but are not yet cooked enough to share. For now, let us leave you with the John Ashbery poem quoted above.

Love and light,
Robert and all of New River Press

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